Freitag, 30. Dezember 2016

1960er Wohnzimmer - Hermann Rülke - 1960s livingrooms

Die Sechziger Jahre, eine schwer zu beschreibende Stilperiode im Möbeldesign. Die Nierentische und Tütenlampen sind verschwunden, selbst in der DDR, wo durch den eisernen Vorhang die Veränderungen immer etwas später zu spüren waren.


The sixties, a furniture design period which is difficult to define. No vivid colors like red, yellow, blue, or green, combined with black, any more. The furniture was less glamorous and less playful as before and the Scandinavian Teak look became even more popular. 

Sprossenstühle finden wir in diesem Wohnzimmer immer noch - sie sind jetzt jedoch aus Plastik. Alle anderen Möbel und auch das Zubehör sind aber noch aus Holz. Die Farben sind nicht so kontrastreich wie in den Fünfzigern, die Formen haben sich noch nicht sehr verändert. 







Der Kartondeckel - The lid of the box


 Später war das Wohnzimmer sogar auf auf dem Kartondeckel abgebildet.
Later this livingroom set was depicted on the box.


Eine andere Variante des Wohnzimmerschrankes, etwas behäbiger.
Another version of the cupboard - a more solid one.

 Beistelltisch - 1967 - side table

Diese 3 Teile kamen zusammen in meine Sammlung:
Gummipuppe, Beistelltisch und Bodenvase.
Alle 3 gehören wirklich zusammen, wie sich später herausstellte.
 

Der kleine Tisch aus hellem Holz mit grüner bzw. gelber Plastikplatte sah sehr originell aus, deshalb wollte ich ihn gerne haben.
Ich habe ihn dann erst sehr viel später in einem Katalog aus der DDR gefunden:

Having identified an old side table
featuring a yellow and a light green plastic leaf
as part of a livingroom set made in 1967 by Hermann Rülke,
I found other pieces with this striking feature.


 1967 DDR Versandhauskatalog "Konsument"

 Gerade diese Kleinmöbel und Originalkleinteile machen die Puppenstubenzimmer ja erst wohnlich. So ist in dem Karton auch eine Pflanze oben rechts zu erkennen, dieselbe wie auf meinem ersten Foto denke ich.


Eine kleine Zusammenstellung von Beistelltischen, die ich Rülke zuschreibe, wobei all die anderen Tischchen älter sind.


In diesen Schranktüren finden wir die beiden Plastikscheiben des Beistelltisches in den gleichen Farben wieder. Selbst ohne Kataloge stellte ich mein Tischchen sofort neben dieses Regal - leider passen sie durch die verschiedenen Holzfarben nicht zusammen.


 1958 "Kultur im Heim"

Hier sind 3 Modelle von Rülke, in denen die dünnen Plastikscheiben vorkommen, es fehlt nur noch eine Schrankvariante. Die Kommode hat die typischen Rülke-Röhrengriffe.



Ein goldener Knopf - A golden knob



 Ein klassischer 60er Jahre Schrank.
Warum sehen wir das sofort? Genau, die Beine sind verschwunden und damit die Leichtigkeit der Fünfziger. Einzig der goldene Knopf erinnert noch an die vergangene Zeit. Dieser Schrank steht fest und solide auf dem Teppichboden und bietet viel Platz: 
die Türen kann man öffnen, die mittlere Schublade unten aufziehen.

A 60s cabinet - no legs anymore,
the easiness of the 50s is replaced by solid weight in the livingroom.
The only reminder is the golden knob.
We also see its predecessors and its escorting seating furniture.


Einige Vorgänger und ein Nachfolger des Schrankes - was hat diese Auswahl gemeinsam?
Ein Detail - die Holzbücher.
Sie sind fast immer in Paaren von einer Farbe angeordnet, zwei gelbe neben zwei roten, zwei grüne neben zwei gelben, mal liegend, mal stehend.



Mein Schrank kam mit diesem Tisch und einem Zeitungsständer.



 Die typische Rülke-Vase ist jetzt aus Plastik. Einzig der Farn ist noch aus Papier und Draht. So bleibt es bis Ende der 60er, dann wird auch die Blume aus Plastik sein, doch die Form der Vase bleibt.

Meine Holzmöbel wurden von Plastikstühlen begleitet.
Doch welche Sessel passten dazu?




 Die "Nagelsessel" - das Design ist noch typisch 50er.
Dazu gab es auch eine (seltene) passende Couch. Die Sessel wurden mit vielen verschiedenen Stoffarten in vielen Farben und Mustern bezogen.


 Sammlung Borbeck

Die Liege aus Holz passt auch zum Schrank. Sie gibt es in vielen Farben und Mustern.



Genauso wie die Drehsessel, die auch das Nachfolger-Schrankmodell mit den grünen Knöpfen gerne ergänzten.

Ein grüner Knopf - A green knob

 

Wir haben schon einige Möbelkartons von Rülke gesehen - auch wenn die Firma auf der Verpackung nie genannt wurde. Auch auf diesem Karton fehlt eine Herstellerangabe. Leider.
We have seen some Rülke boxes until now - always without the name of the firm printed on the cardboard. Just as on this one.


Die Zeichnungen stellen diesmal aber ein reales Möbelprogramm dar und helfen uns bei der Zuordnung oder beim Zusammenstellen eines authentischen Wohnzimmers von Mitte der 60er.
Auf den Zeichnungen sind nur Drehsessel zu finden, alle mit demselben Begleittisch.
The drawings copy a real furniture line made by Rülke though. Note the swivel armchair which came in many different colours and designs.



Einige Varianten von Rülkes Drehsesseln.



Links sehen wir den Vorgängerschrank mit passendem Tisch.
Aus dem goldenen Möbelgriff ist jetzt ein grüner Griff geworden.
Two Cabinets and the matching tables. The golden knobs have turned into green ones.


Auf dem Deckel ist auch ein Schlafzimmer abgebildet - genau dasselbe habe ich zwar nicht, aber ein ähnliches, und genau wie auf der Zeichnung hat es grüne Griffe.
My bedroom is not exactly the same one as depicted on the lid of the box but it features the green knobs all the same.




Der Fernseher wird wichtiger, in zwei von drei Wohnzimmern auf dem Karton ist er vorhanden.
Note the upcoming importance of the TV in the livingroom.

 

Wieso ich mir sicher bin, dass es ein Rülke-Karton ist?
Die Stühle. 

 How did I know that the box is by Rülke?
The design of the chairs of course.

Rülke-Stuhl-Parade

Noch mehr Typen - Still more types of livingrooms

Die Sechziger Jahre bringen bei Rülke immer mehr Plastik mit sich - bis am Ende des Jahrzehnts viele Zimmer nur noch mit Plastikmöbeln ausgestattet sind. Nicht alle Puppenmöbelhersteller in der DDR sind diesen Weg gegangen, denn gerade im Erzgebirge war die Tradition der Holzverarbeitung jahrhundertealt und alle Maschinen und Kenntnisse waren auf diesen Werkstoff eingestellt.*



Sammlung Anna Setz

Ein Wohnzimmer mit wuchtigem Schrank aus Holz und mit zierlichen Polstermöbeln aus Plastik und stoffüberzogener Pappe, die eher nach Terrassenmöbeln aussehen.
Die runden Plastikgriffe zierten wenig später die Plastikmöbel von Rülke.

The sixties brought more and more plastic elements
into the furniture sets of Rülke - 
at the end of the decade most sets were made of plastic.
Not every manufacturer of dolls furniture in East-Germany
changed from wood to plastic.
The woodworking tradition in the Ore Mountains
had lasted for centuries and was not abandonned lightly.
Rülke was the firm that dared this technological change -
a part of the production was still made of wood though.


Es gab die Wohnzimmerschränke aber auch mit einem anderen Griff aus Plastik: 
dieser längliche Griff ist seltener zu sehen und wurde auch in Küchen oder Schlafzimmern verwendet, wie wir später sehen werden.

A variety of wooden cabinets
mostly with a strange white longish knob
accompanied by plastic armchairs.





Auch hier werden die Holzmöbel von einer Plastik-Sitzgarnitur begleitet, die ich schon in vielen Mustern und Farben gesehen habe. Genauso wurde der Schrank immer wieder im Design variiert.



Auch ein Exemplar mit Holzgriffen ist dabei.

Grün-weißes Wohnzimmer - Green-white livingroom



Ein Wohnzimmer im 60er-Jahre-Stil - das wohl nie in dieser Kombination verkauft wurde. Bei genauerem Hinsehen erkennt man auch zwei verschiedene Holzsorten - aber sie könnten natürlich auch verschieden nachgedunkelt sein. Wieso denke ich, dass die Teile aus verschiedenen Jahren stammen?
A livingroom with the flair of the 60s - made by Rülke I suppose. But it was never sold in this combination I think.


 Dies sind Rülke Möbel mit Untergestellen oder Beinen aus weiß lackiertem Holz. Der asymmetrische Schrank ist im Originalzustand, weder fehlt an der rechten Tür ein Griff, noch unten eine Schublade. Ich finde das Design sehr ungewöhnlich und schön. Schrank und Tisch gab es mindestens seit 1968 - und sind noch in einem Versandhauskatalog der DDR von 1972 zu finden. Auch wenn das Sofa mit den weißen Holzbeinen so gut zum Tisch und dem Schrank passt - wahrscheinlich kam es erst später ins Programm. Die ursprüngliche Couchgarnitur sah wohl so aus wie auf dem nächsten Foto:
 
These three pieces by Rülke are made of wood, the legs painted white. They look like a set but I think the sofa came later and the original livingroom looked like the one on the photo below.
The cabinet's design is unusual because of the asymmetrical doors - the lower shelf is meant to be empty, it is not missing a door or a drawer.




Diese dazu passenden Schränke sind später entstanden und der Hauptunterschied ist das Untergestell aus feinem Plastik. Es ist wirklich sehr dünn und deshalb bekommt man selten unbeschädigte Schränke angeboten, meist ist das angeklebte Gestell abgebrochen und nur das Holzteil übrig geblieben.
These matching cabinets are of a later design. The leg construction is made of very thin plastic - meaning that not many complete pieces have survived.


Sammlung Gronau/Sauerland 

In den meisten Puppenhäusern sind die frühen Teile mit dem Untergestell aus Holz und die späteren Teile bunt gemischt zu sehen, sie passen einfach zu gut zusammen - so wie auf meinem ersten Foto und auch hier.
The Rülke parts of the set - here the armchairs -  and the later VERO parts are mixed up in many dolls houses.


Das VERO-Wohnzimmer von 1972 laut Katalogangebot - nur noch das Sofa ist hier übrig geblieben, dafür hat man die typischen Rülke-Stühle in das Zimmer integriert.
 

 The VERO room in 1972. The dining table with Rülke's chairs is added. Cabinet, table and armchairs are no longer part of the set.



*Ein kleiner Exkurs für die geschichtlich interessierten SammlerInnen:
1971 - also vor der vollständigen Verstaatlichung - waren in der DDR noch 7 Firmen unter der Rubrik "Puppen- und Puppenstubenmöbel" im Messekatalog von Leipzig aufgeführt:
  1. Linus Dähnert, Fabrik feiner Holzspielwaren, Wünschendorf - Holzmöbel
  2. Paul Hübsch, Puppenmöbelfabrik, Seiffen - Holzmöbel
  3. Hermann Rülke, Spielwarenfabriken, Kleinhartmannsdorf - vorwiegend Plastikmöbel, aber auch noch Holzmöbel
  4. VEB Spielwarenwerke Schneeberg, Schlema (ehemals Sieber & Söhne) - deren Produktion kenne ich nicht
  5. Thüringer Spielwarenfabrik, vormals F.W. Freitag & Co. - hier wurden wohl vor allem Schaukelpferde hergestellt
  6. Ullrich & Hoffmann, Puppenstubenmöbel, Seiffen  - vorwiegend Holzmöbel, aber auch einzelne Plastikmöbel
  7. VERO, Olbernhau - Holz- und Plastikmöbel (erst seit 1971 in eigener Serie)


 Dies ist die Zusammenfassung und Aktualisierung von mehreren älteren Beiträgen.

This is the summary and updated version of several older posts.

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