Sonntag, 18. Dezember 2016

Ein Puppenhaus für Barbara - 1962 - A dollshouse for Barbara

An article from a DIY magazine of 1962
written by a father who built
a dollshouse for his daughter Barbara.
Barbara sollte eigentlich ein Junge werden, denn als Vater kann man mit einem Sohn viel mehr anfangen:
Man kann ihm Papierhelme falten und ein Holzschwert zusammennageln, im Herbst einen Drachen bauen, aus einem alten Kinderwagengestell einen Rennwagen konstruieren und natürlich eine elekrtische Eisenbahn mit allen Schikanen kaufen, möglichst schon zum 2. Geburtstag, um dann selbst möglichst  lange ungestört damit spielen zu können. Kleine Mädchen sind da viel langweiliger, denn sie spielen doch nur immer Puppen - meinte ich...


  

Da Freund Klapperstorch aber seine eigenen Gesetze hat, wurde Barbara kein Junge, sondern eben Barbara. Sie ist inzwischen eine sehr selbstbewusste Persönlichkeit von vier Jahren und wir sind  wenn sie auch kein Junge ist - ein Herz und eine Seele.
Als Vater einer kleinen Tochter hat man jedoch auch seine Sorgen. Während man für Jungen-Spielzeug aus eigener Erinnerung unzählige Bastelideen hat, muss man für Mädchen-Spielzeug schon etwas mehr nachdenken und nach Anregungen suchen. Die beste Anregung fand ich bisher - man sollte es kaum glauben - im Museum.
Wenn es auch einzelne besondere Spielzeug-Museen gibt, wird Spielzeug gemeinhin doch nicht als "museumswürdig" anerkannt. Meist fristet es ein Dasein am Rande und ist in den Magazinen verborgen und wird höchstens einmal vor Weihnachten als "Zugnummer" für die übrigen Museumsbestände hervorgeholt. Das liegt natürlich auch daran, dass Kinderspielzeug von Natur aus sehr vergänglich ist und kaum einmal eine Kindergeneration überdauert. Aber um so mehr erzählt es im Wandel der Jahrzehnte und Jahrhunderte ganz ernsthaft ein Stück Kulterugeschicte. Stand früher vielleicht ein bespannter Rollwagen mit dazugehörigem Pferdestall im Vordergrund, sind es heute Kipplastwagen und Atombaukästen. Aber dennoch sind sich einige Grundelemente stets gleichgeblieben. Das jedenfalls war mein Eindruck, als ich eine Spielzeug-Sonderausstellung des Bremer Fockemuseums besuchte, das einen reichhaltigen Spielzeug-Fundus vergangener Zeiten sein eigen nennt.

Tipps für bastelnde Väter

Früher wurde Spielzeug nicht industriell gefertigt, sondern handwerklich hergestellt. Ausstellungen alten Spielzeugs sind daher eine wahre Fundgrube für bastelnde Väter, da alle Dinge meist mit einfachsten Mitteln und einem Normalbestand an Werkzeug angefertigt wurden. Hammer, Zange, Säge, Bohrer, Schmirgelpapier und vielleicht noch einige Schraubzwingen reichen völlig aus, auf den alten Pfaden wandelnd selbst ans Werk zu gehen. Als ich bei meinem Gang durch die Ausstellung des Fockemuseumss vor einem großen Puppenhaus aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts stand, stand mein Entschluss sofort fest: Barbara erhält ein Puppenhaus! Endlich hatte ich eine lohnende Aufgabe gefunden, die gleichermaßen meine Bastelleidenschaft befriedigte, wie auch des Beifalls der Tochter sicher sein konnte.
Das Bremer Puppenhaus war ein getreues Abbild der Lebensumstände vor etwa 80 Jahren. Mit unendlicher Sorgfalt und Liebe war die Möbelausstattung dem damaligen Zeitgeschmack nachgebildet: Vertikow, Plüsch-Portieren, Blumen-Konsolen und vieles mehr. So wollte ich Barbaras Puppenhaus natürlich nicht bauen, sondern den heutigen Verhältnissen entsprechend. Erstaunlicheweise stellte sich zum Schluss heraus, dass der Unterschied  gar nicht so groß ist...

Der Puppenhaus-Bau beginnt

Als rechter Puppenhaus-Architekt begann ich zuzuerst mit einem sorgsam überlegten Entwurf. Wieviele Zimmer braucht eine normale Puppenfamilie? Wie müssen sie zueinander liegen? Wie sind Türen und Fenster am besten anzuordnen? Da ich die (nichtsahnende) Bauherrin natürlich nicht zu Rate ziehen konnte, da das Puppenhaus eine Weihnachtsüberraschung werden sollte, musste ich die Entscheidung selbst treffen. Meine Wahl fiel auf ein zwei-geschossiges Haus mit - bei späterem Bedarf - ausbaufähigem Dachgeschoss. Für jedes der beiden Geschosse waren vier Räume vorgesehen, der Einfachheit halber in gleicher Größe.


Meine Aufstellung sah so aus:

Erdgeschoss:
- Flur mit Eingangstür, gleichzeitig als Diele zu verwenden, eine Ecke als eingebauter Schrank für Besen und Reinigungsgerät vorgesehen.
- Zwei Wohnzimmer, durch eine doppelte Flügeltür miteinander verbunden.
- Küche mit Essecke.
Obergeschoss:
- Flur mit Sitzecke.
- Elternschlafzimmer mit Zugang zum Balkon.
- Kinderschlafzimmer.
- Badezimmer.
Auf eine Treppenverbindung zwischen beiden Geschossen verzichtete ich, da sie beim Spiel doch nur eine geringe Rolle spielen würde. Sie wäre jedoch technisch ohne weiteres auf den Fluren einzuplanen gewesen. An Hand des Raumbedarfs fertigte ich genaue maßstabsgerechte Zeichnungen an und stellte eine Stückliste auf, um danach das Material einkaufen zu können. Als Baustoff wählte ich Spanplatten in 10 mm Stärke. Sie sind am leichtesten zu bearbeiten und man braucht  sich um Faserrichtung, Jahresringe uw. keine Gedanken zu machen. Als "Baustelle" musste die Küche herhalten, da in den heutigen Wohnungen ja leider nicht genügend Raum für eine kleine Bastelwerkstatt vorhanden ist. Während ich bei sonstigen Bastelarbeiten meist schiefe Blicke ernte, sobald ich - und wenn erst nach Feierabend - in die Küche eindringe, erhielt ich für das Puppenhaus sofort großzügig eine "Baugenehmigung". In jeder Mutter einer kleinen Tochter steckt ja noch ein Stückchen Puppenmutter...
(...)

Das Puppenhaus wächst empor

Das Zusammenbauen geschah in folgender Reihenfolge: Zuerst wurden die beiden Giebelseiten mit der Grundplatte verbunden. Ehe ich dann die Zwischenwände des Erdgeschosses einfügte, beklebte ich den Fußboden mit einer Selbstklebefolie in Holzmaserung, um den Eindruck eines natürlichen Fußbodens hervorzurufen. Dann wurden die Zwischenwände eingesetzt, die Zwischendecke daraufgelegt und ebenfalls mit Selbstklebefolie als Fußboden für das Obergeschoss versehen. Anschließend kam die Zwischendecke zum Dachgeschoss an die Reihe. Als letztes wurde das Dach aufgesetzt. Um es öffnen zu  können, schrägte ich es im First ab und verband beide Platten mit Scharnierband; eine der Dachflächen wurde fest anmoniert, die andere lässt sich aufklappen und erhielt einen Feststeller.


Elektrische Installation

Ein modernes Puppenhaus muss natürlich elektrische Beleuchtung haben. Ich knobelte dafür einen Schaltplan aus und ging dann an die Installation, nachdem ich mir in einem Spielwarengeschäft kleine Lämpchen besorgt hatte. Zuerst experimentierte ich mit kupferner Schwachstromlitze, die sich aber nicht bewährte. Sie erwies sich als zu weich und dünn und rutschte immer wieder aus den Klemmen usw. heraus. Klingeldraht zeigte wesenlich bessere Eigenschaften, da er etwas steifer ist und sich daher besser verlegen kässt. Die Drähte wurden mit Tesafilm an den Wänden befestigt und von Stockwerk zu Stockwerk einfach innen an den Giebelwänden hochgezogen.  (...) Als Stromversorgung hatte ich anfangs eine Taschenlampenbatterie vorgesehen. Es zeigte sich in der Praxis später aber sehr schnell, dass sie nicht ausreicht. Ich baute daher einen Klingeltransformator ein.
Nachdem der Rohbau einschließlich der Installation stand, glaubte ich die Feinarbeiten an einem Abend erledigen zu können. Es stellte sich jedoch heraus, dass sie wesentlich mehr Zeit erforderten und sehr viel Fingerspitzengefühl verlangten. Da das Sache der Hausfrauen ist, erhielt ich tatkräftige Hilfe.



Tapezieren will gelernt sein

Für die verschiedenen Räume habe ich Puppenhaus-Tapeten besorgt, die in Fachgeschäften zu bekommen sind, außerdem Ziegelstein-Tapeten für die Aussenwände und Dachpfannen-Tapeten für das Dach. Zum Kleben bewährte sich nach anfänglichen Experimenten mit Tapetenkleister Buchbinderleim am besten, da es sich nur um verhältnismäßig kleine Flächen handelt, aber hohe Klebkraft verlangt wird.
Alle Kanten des Hauses, einschließlich der Fensterfüllungen, wurden mit breitem farbigem Tesaband überzogen, um einen sauberen Abschluss zu erhalten. Dann schnitten wir die Tapeten entsprechend der Zimmermaße zu und klebten sie ein. Die elektrischen Leitungen, die ja mit Tesafilm einfach an den Wänden verlegt waren, wurden mit Tapete überklebt und erhielten so festen Halt, traten ausßerdem dann nicht mehr in Erscheinung. Die Türen erhielten keinen Tapetenüberzug, sondern wurden im Holzton der Spanplatten unverändert gelassen. Als Türklinken wourden auf beiden Seiten kleine Messingschrauben eingeschraubt.
Sehr viel Sorgfalt erfordert das Aufkleben der äußeren Ziegeltapete, da die einzelnen Lagen des Mauerwerks dem natürlichen Mauerwerk eines Hauses entsprechen müssen, Dabei gilt es vor allem bei den Tür- und Fensteröffnungen aufzupassen. Am besten ist es, wie bei beim Bau eines richtigen Hauses mit den Klebearbeiten am Sockel zu beginnen.

Feinarbeiten zum Abschluss

Nach den Tapezierarbeiten fügte ich in die Fensteröffnungen Fensterbänke aus Hartfaserplatte ein und auf dem unteren Flur wurde eine Nische als eingebauter Schrank für Besen usw. abgeteilt. Derweil nähte meine Frau Gardinen und Übergardinen, die wir mit Reißzwecken befestigten. Nun fehlten nur noch die Möbel. Einen Teil kauften wir fertig, andere, die sich als sehr viel robuster erwiesen haben, klebten wir aus leeren Streichholzschachteln zusammen, die wir mit Selbstklebefolie mit Holzmaserung überzogen. Für das Badezimmer montierte ich eine Badezimmereinrichtung aus Plastik, wie man sie kaufen kann, auseinander und installierte sie fest an den Wänden.
Damit war die "Villa Sorgenfrei" fertig und ich als Vater dazu bekehrt, dass man auch für eine Tochter mit viel Freude basteln kann.


Aus der Zeitschrift ff - Frohe Freizeit von 1962, Heft 10

Auch für die damals so populären Klebefolien, die auch in Barbaras Puppenhaus zum Einsatz kommen, wird in diesem Heft geworben.

D-c-fix

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