Freitag, 30. Dezember 2016

1960er Wohnzimmer - Hermann Rülke - 1960s livingrooms

Die Sechziger Jahre, eine schwer zu beschreibende Stilperiode im Möbeldesign. Die Nierentische und Tütenlampen sind verschwunden, selbst in der DDR, wo durch den eisernen Vorhang die Veränderungen immer etwas später zu spüren waren.


The sixties, a furniture design period which is difficult to define. No vivid colors like red, yellow, blue, or green, combined with black, any more. The furniture was less glamorous and less playful as before and the Scandinavian Teak look became even more popular. 

Sprossenstühle finden wir in diesem Wohnzimmer immer noch - sie sind jetzt jedoch aus Plastik. Alle anderen Möbel und auch das Zubehör sind aber noch aus Holz. Die Farben sind nicht so kontrastreich wie in den Fünfzigern, die Formen haben sich noch nicht sehr verändert. 







Der Kartondeckel - The lid of the box


 Später war das Wohnzimmer sogar auf auf dem Kartondeckel abgebildet.
Later this livingroom set was depicted on the box.


Eine andere Variante des Wohnzimmerschrankes, etwas behäbiger.
Another version of the cupboard - a more solid one.

 Beistelltisch - 1967 - side table

Diese 3 Teile kamen zusammen in meine Sammlung:
Gummipuppe, Beistelltisch und Bodenvase.
Alle 3 gehören wirklich zusammen, wie sich später herausstellte.
 

Der kleine Tisch aus hellem Holz mit grüner bzw. gelber Plastikplatte sah sehr originell aus, deshalb wollte ich ihn gerne haben.
Ich habe ihn dann erst sehr viel später in einem Katalog aus der DDR gefunden:

Having identified an old side table
featuring a yellow and a light green plastic leaf
as part of a livingroom set made in 1967 by Hermann Rülke,
I found other pieces with this striking feature.


 1967 DDR Versandhauskatalog "Konsument"

 Gerade diese Kleinmöbel und Originalkleinteile machen die Puppenstubenzimmer ja erst wohnlich. So ist in dem Karton auch eine Pflanze oben rechts zu erkennen, dieselbe wie auf meinem ersten Foto denke ich.


Eine kleine Zusammenstellung von Beistelltischen, die ich Rülke zuschreibe, wobei all die anderen Tischchen älter sind.


In diesen Schranktüren finden wir die beiden Plastikscheiben des Beistelltisches in den gleichen Farben wieder. Selbst ohne Kataloge stellte ich mein Tischchen sofort neben dieses Regal - leider passen sie durch die verschiedenen Holzfarben nicht zusammen.


 1958 "Kultur im Heim"

Hier sind 3 Modelle von Rülke, in denen die dünnen Plastikscheiben vorkommen, es fehlt nur noch eine Schrankvariante. Die Kommode hat die typischen Rülke-Röhrengriffe.



Ein goldener Knopf - A golden knob



 Ein klassischer 60er Jahre Schrank.
Warum sehen wir das sofort? Genau, die Beine sind verschwunden und damit die Leichtigkeit der Fünfziger. Einzig der goldene Knopf erinnert noch an die vergangene Zeit. Dieser Schrank steht fest und solide auf dem Teppichboden und bietet viel Platz: 
die Türen kann man öffnen, die mittlere Schublade unten aufziehen.

A 60s cabinet - no legs anymore,
the easiness of the 50s is replaced by solid weight in the livingroom.
The only reminder is the golden knob.
We also see its predecessors and its escorting seating furniture.


Einige Vorgänger und ein Nachfolger des Schrankes - was hat diese Auswahl gemeinsam?
Ein Detail - die Holzbücher.
Sie sind fast immer in Paaren von einer Farbe angeordnet, zwei gelbe neben zwei roten, zwei grüne neben zwei gelben, mal liegend, mal stehend.



Mein Schrank kam mit diesem Tisch und einem Zeitungsständer.



 Die typische Rülke-Vase ist jetzt aus Plastik. Einzig der Farn ist noch aus Papier und Draht. So bleibt es bis Ende der 60er, dann wird auch die Blume aus Plastik sein, doch die Form der Vase bleibt.

Meine Holzmöbel wurden von Plastikstühlen begleitet.
Doch welche Sessel passten dazu?




 Die "Nagelsessel" - das Design ist noch typisch 50er.
Dazu gab es auch eine (seltene) passende Couch. Die Sessel wurden mit vielen verschiedenen Stoffarten in vielen Farben und Mustern bezogen.


 Sammlung Borbeck

Die Liege aus Holz passt auch zum Schrank. Sie gibt es in vielen Farben und Mustern.



Genauso wie die Drehsessel, die auch das Nachfolger-Schrankmodell mit den grünen Knöpfen gerne ergänzten.

Ein grüner Knopf - A green knob

 

Wir haben schon einige Möbelkartons von Rülke gesehen - auch wenn die Firma auf der Verpackung nie genannt wurde. Auch auf diesem Karton fehlt eine Herstellerangabe. Leider.
We have seen some Rülke boxes until now - always without the name of the firm printed on the cardboard. Just as on this one.


Die Zeichnungen stellen diesmal aber ein reales Möbelprogramm dar und helfen uns bei der Zuordnung oder beim Zusammenstellen eines authentischen Wohnzimmers von Mitte der 60er.
Auf den Zeichnungen sind nur Drehsessel zu finden, alle mit demselben Begleittisch.
The drawings copy a real furniture line made by Rülke though. Note the swivel armchair which came in many different colours and designs.



Einige Varianten von Rülkes Drehsesseln.



Links sehen wir den Vorgängerschrank mit passendem Tisch.
Aus dem goldenen Möbelgriff ist jetzt ein grüner Griff geworden.
Two Cabinets and the matching tables. The golden knobs have turned into green ones.


Auf dem Deckel ist auch ein Schlafzimmer abgebildet - genau dasselbe habe ich zwar nicht, aber ein ähnliches, und genau wie auf der Zeichnung hat es grüne Griffe.
My bedroom is not exactly the same one as depicted on the lid of the box but it features the green knobs all the same.




Der Fernseher wird wichtiger, in zwei von drei Wohnzimmern auf dem Karton ist er vorhanden.
Note the upcoming importance of the TV in the livingroom.

 

Wieso ich mir sicher bin, dass es ein Rülke-Karton ist?
Die Stühle. 

 How did I know that the box is by Rülke?
The design of the chairs of course.

Rülke-Stuhl-Parade

Noch mehr Typen - Still more types of livingrooms

Die Sechziger Jahre bringen bei Rülke immer mehr Plastik mit sich - bis am Ende des Jahrzehnts viele Zimmer nur noch mit Plastikmöbeln ausgestattet sind. Nicht alle Puppenmöbelhersteller in der DDR sind diesen Weg gegangen, denn gerade im Erzgebirge war die Tradition der Holzverarbeitung jahrhundertealt und alle Maschinen und Kenntnisse waren auf diesen Werkstoff eingestellt.*



Sammlung Anna Setz

Ein Wohnzimmer mit wuchtigem Schrank aus Holz und mit zierlichen Polstermöbeln aus Plastik und stoffüberzogener Pappe, die eher nach Terrassenmöbeln aussehen.
Die runden Plastikgriffe zierten wenig später die Plastikmöbel von Rülke.

The sixties brought more and more plastic elements
into the furniture sets of Rülke - 
at the end of the decade most sets were made of plastic.
Not every manufacturer of dolls furniture in East-Germany
changed from wood to plastic.
The woodworking tradition in the Ore Mountains
had lasted for centuries and was not abandonned lightly.
Rülke was the firm that dared this technological change -
a part of the production was still made of wood though.


Es gab die Wohnzimmerschränke aber auch mit einem anderen Griff aus Plastik: 
dieser längliche Griff ist seltener zu sehen und wurde auch in Küchen oder Schlafzimmern verwendet, wie wir später sehen werden.

A variety of wooden cabinets
mostly with a strange white longish knob
accompanied by plastic armchairs.





Auch hier werden die Holzmöbel von einer Plastik-Sitzgarnitur begleitet, die ich schon in vielen Mustern und Farben gesehen habe. Genauso wurde der Schrank immer wieder im Design variiert.



Auch ein Exemplar mit Holzgriffen ist dabei.


Grün-weißes Wohnzimmer - Green-white livingroom



Ein Wohnzimmer im 60er-Jahre-Stil - das wohl nie in dieser Kombination verkauft wurde. Bei genauerem Hinsehen erkennt man auch zwei verschiedene Holzsorten - aber sie könnten natürlich auch verschieden nachgedunkelt sein. Wieso denke ich, dass die Teile aus verschiedenen Jahren stammen?
A livingroom with the flair of the 60s - made by Rülke I suppose. But it was never sold in this combination I think.


 Dies sind Rülke Möbel mit Untergestellen oder Beinen aus weiß lackiertem Holz. Der asymmetrische Schrank ist im Originalzustand, weder fehlt an der rechten Tür ein Griff, noch unten eine Schublade. Ich finde das Design sehr ungewöhnlich und schön. Schrank und Tisch gab es mindestens seit 1968 - und sind noch in einem Versandhauskatalog der DDR von 1972 zu finden. Auch wenn das Sofa mit den weißen Holzbeinen so gut zum Tisch und dem Schrank passt - wahrscheinlich kam es erst später ins Programm. Die ursprüngliche Couchgarnitur sah wohl so aus wie auf dem nächsten Foto:
 
These three pieces by Rülke are made of wood, the legs painted white. They look like a set but I think the sofa came later and the original livingroom looked like the one on the photo below.
The cabinet's design is unusual because of the asymmetrical doors - the lower shelf is meant to be empty, it is not missing a door or a drawer.




Diese dazu passenden Schränke sind später entstanden und der Hauptunterschied ist das Untergestell aus feinem Plastik. Es ist wirklich sehr dünn und deshalb bekommt man selten unbeschädigte Schränke angeboten, meist ist das angeklebte Gestell abgebrochen und nur das Holzteil übrig geblieben.
These matching cabinets are of a later design. The leg construction is made of very thin plastic - meaning that not many complete pieces have survived.


Sammlung Gronau/Sauerland 

In den meisten Puppenhäusern sind die frühen Teile mit dem Untergestell aus Holz und die späteren Teile bunt gemischt zu sehen, sie passen einfach zu gut zusammen - so wie auf meinem ersten Foto und auch hier.
The Rülke parts of the set - here the armchairs -  and the later VERO parts are mixed up in many dolls houses.


Das VERO-Wohnzimmer von 1972 laut Katalogangebot - nur noch das Sofa ist hier übrig geblieben, dafür hat man die typischen Rülke-Stühle in das Zimmer integriert.

 The VERO room in 1972. The dining table with Rülke's chairs is added. Cabinet, table and armchairs are no longer part of the set.



*Ein kleiner Exkurs für die geschichtlich interessierten SammlerInnen:
1971 - also vor der vollständigen Verstaatlichung - waren in der DDR noch 7 Firmen unter der Rubrik "Puppen- und Puppenstubenmöbel" im Messekatalog von Leipzig aufgeführt:
  1. Linus Dähnert, Fabrik feiner Holzspielwaren, Wünschendorf - Holzmöbel
  2. Paul Hübsch, Puppenmöbelfabrik, Seiffen - Holzmöbel
  3. Hermann Rülke, Spielwarenfabriken, Kleinhartmannsdorf - vorwiegend Plastikmöbel, aber auch noch Holzmöbel
  4. VEB Spielwarenwerke Schneeberg, Schlema (ehemals Sieber & Söhne) - deren Produktion kenne ich nicht
  5. Thüringer Spielwarenfabrik, vormals F.W. Freitag & Co. - hier wurden wohl vor allem Schaukelpferde hergestellt
  6. Ullrich & Hoffmann, Puppenstubenmöbel, Seiffen  - vorwiegend Holzmöbel, aber auch einzelne Plastikmöbel
  7. VERO, Olbernhau - Holz- und Plastikmöbel (erst seit 1971 in eigener Serie)


 Dies ist die Zusammenfassung und Aktualisierung von mehreren älteren Beiträgen.

This is the summary and updated version of several older posts.



 Couchtisch mit Löchern - Coffee table with holes

 

 
In dieser Kombination kaufte ich die Garnitur vor vielen Jahren auf einem Trödelmarkt. Wie stolz war ich auf den typischen 50er-Jahre-Look. Aber warum der Tisch diese Aussparungen hatte, habe ich nie rausgekriegt.
Years ago I bought this lounge set on a flea market. During those pre-eBay times I was very happy about these so very typical fifties pieces. But I wondered what the holes in the table were meant for.


 

Ich stellte mal Teller hinein, legte ein Deckchen drüber, versuchte es als Blumenbank, aber überzeugende Lösungen waren das nicht.
I filled the holes with plates, covered it with doilies, tried flower pots, but nothing proved satisfactory.

 

Jetzt habe ich endlich entdeckt, dass es kein Puppenmöbelstück ist - es stand wohl auf dem 50er-Jahre-Couchtisch und hielt die bunten Glasuntersetzer ... in die kleinen Löcher kamen die Glasmarkierstäbchen oder Strohhalme oder Salzstangen?
At last I discovered the real function of this item - it is not a dolls house table after all but a holder for the stylish metal coasters of the fifties. The small holes were filled with ... straws? sticks?



Sitzmöbel/seating furniture: Hermann Rülke
Ursprünglicher Beitrag vom 04.03.2013

Sonntag, 18. Dezember 2016

Ein Puppenhaus für Barbara - 1962 - A dollshouse for Barbara

An article from a DIY magazine of 1962
written by a father who built
a dollshouse for his daughter Barbara.
Barbara sollte eigentlich ein Junge werden, denn als Vater kann man mit einem Sohn viel mehr anfangen:
Man kann ihm Papierhelme falten und ein Holzschwert zusammennageln, im Herbst einen Drachen bauen, aus einem alten Kinderwagengestell einen Rennwagen konstruieren und natürlich eine elekrtische Eisenbahn mit allen Schikanen kaufen, möglichst schon zum 2. Geburtstag, um dann selbst möglichst  lange ungestört damit spielen zu können. Kleine Mädchen sind da viel langweiliger, denn sie spielen doch nur immer Puppen - meinte ich...


  

Da Freund Klapperstorch aber seine eigenen Gesetze hat, wurde Barbara kein Junge, sondern eben Barbara. Sie ist inzwischen eine sehr selbstbewusste Persönlichkeit von vier Jahren und wir sind  wenn sie auch kein Junge ist - ein Herz und eine Seele.
Als Vater einer kleinen Tochter hat man jedoch auch seine Sorgen. Während man für Jungen-Spielzeug aus eigener Erinnerung unzählige Bastelideen hat, muss man für Mädchen-Spielzeug schon etwas mehr nachdenken und nach Anregungen suchen. Die beste Anregung fand ich bisher - man sollte es kaum glauben - im Museum.
Wenn es auch einzelne besondere Spielzeug-Museen gibt, wird Spielzeug gemeinhin doch nicht als "museumswürdig" anerkannt. Meist fristet es ein Dasein am Rande und ist in den Magazinen verborgen und wird höchstens einmal vor Weihnachten als "Zugnummer" für die übrigen Museumsbestände hervorgeholt. Das liegt natürlich auch daran, dass Kinderspielzeug von Natur aus sehr vergänglich ist und kaum einmal eine Kindergeneration überdauert. Aber um so mehr erzählt es im Wandel der Jahrzehnte und Jahrhunderte ganz ernsthaft ein Stück Kulterugeschicte. Stand früher vielleicht ein bespannter Rollwagen mit dazugehörigem Pferdestall im Vordergrund, sind es heute Kipplastwagen und Atombaukästen. Aber dennoch sind sich einige Grundelemente stets gleichgeblieben. Das jedenfalls war mein Eindruck, als ich eine Spielzeug-Sonderausstellung des Bremer Fockemuseums besuchte, das einen reichhaltigen Spielzeug-Fundus vergangener Zeiten sein eigen nennt.

Tipps für bastelnde Väter

Früher wurde Spielzeug nicht industriell gefertigt, sondern handwerklich hergestellt. Ausstellungen alten Spielzeugs sind daher eine wahre Fundgrube für bastelnde Väter, da alle Dinge meist mit einfachsten Mitteln und einem Normalbestand an Werkzeug angefertigt wurden. Hammer, Zange, Säge, Bohrer, Schmirgelpapier und vielleicht noch einige Schraubzwingen reichen völlig aus, auf den alten Pfaden wandelnd selbst ans Werk zu gehen. Als ich bei meinem Gang durch die Ausstellung des Fockemuseumss vor einem großen Puppenhaus aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts stand, stand mein Entschluss sofort fest: Barbara erhält ein Puppenhaus! Endlich hatte ich eine lohnende Aufgabe gefunden, die gleichermaßen meine Bastelleidenschaft befriedigte, wie auch des Beifalls der Tochter sicher sein konnte.
Das Bremer Puppenhaus war ein getreues Abbild der Lebensumstände vor etwa 80 Jahren. Mit unendlicher Sorgfalt und Liebe war die Möbelausstattung dem damaligen Zeitgeschmack nachgebildet: Vertikow, Plüsch-Portieren, Blumen-Konsolen und vieles mehr. So wollte ich Barbaras Puppenhaus natürlich nicht bauen, sondern den heutigen Verhältnissen entsprechend. Erstaunlicheweise stellte sich zum Schluss heraus, dass der Unterschied  gar nicht so groß ist...

Der Puppenhaus-Bau beginnt

Als rechter Puppenhaus-Architekt begann ich zuzuerst mit einem sorgsam überlegten Entwurf. Wieviele Zimmer braucht eine normale Puppenfamilie? Wie müssen sie zueinander liegen? Wie sind Türen und Fenster am besten anzuordnen? Da ich die (nichtsahnende) Bauherrin natürlich nicht zu Rate ziehen konnte, da das Puppenhaus eine Weihnachtsüberraschung werden sollte, musste ich die Entscheidung selbst treffen. Meine Wahl fiel auf ein zwei-geschossiges Haus mit - bei späterem Bedarf - ausbaufähigem Dachgeschoss. Für jedes der beiden Geschosse waren vier Räume vorgesehen, der Einfachheit halber in gleicher Größe.


Meine Aufstellung sah so aus:

Erdgeschoss:
- Flur mit Eingangstür, gleichzeitig als Diele zu verwenden, eine Ecke als eingebauter Schrank für Besen und Reinigungsgerät vorgesehen.
- Zwei Wohnzimmer, durch eine doppelte Flügeltür miteinander verbunden.
- Küche mit Essecke.
Obergeschoss:
- Flur mit Sitzecke.
- Elternschlafzimmer mit Zugang zum Balkon.
- Kinderschlafzimmer.
- Badezimmer.
Auf eine Treppenverbindung zwischen beiden Geschossen verzichtete ich, da sie beim Spiel doch nur eine geringe Rolle spielen würde. Sie wäre jedoch technisch ohne weiteres auf den Fluren einzuplanen gewesen. An Hand des Raumbedarfs fertigte ich genaue maßstabsgerechte Zeichnungen an und stellte eine Stückliste auf, um danach das Material einkaufen zu können. Als Baustoff wählte ich Spanplatten in 10 mm Stärke. Sie sind am leichtesten zu bearbeiten und man braucht  sich um Faserrichtung, Jahresringe uw. keine Gedanken zu machen. Als "Baustelle" musste die Küche herhalten, da in den heutigen Wohnungen ja leider nicht genügend Raum für eine kleine Bastelwerkstatt vorhanden ist. Während ich bei sonstigen Bastelarbeiten meist schiefe Blicke ernte, sobald ich - und wenn erst nach Feierabend - in die Küche eindringe, erhielt ich für das Puppenhaus sofort großzügig eine "Baugenehmigung". In jeder Mutter einer kleinen Tochter steckt ja noch ein Stückchen Puppenmutter...
(...)

Das Puppenhaus wächst empor

Das Zusammenbauen geschah in folgender Reihenfolge: Zuerst wurden die beiden Giebelseiten mit der Grundplatte verbunden. Ehe ich dann die Zwischenwände des Erdgeschosses einfügte, beklebte ich den Fußboden mit einer Selbstklebefolie in Holzmaserung, um den Eindruck eines natürlichen Fußbodens hervorzurufen. Dann wurden die Zwischenwände eingesetzt, die Zwischendecke daraufgelegt und ebenfalls mit Selbstklebefolie als Fußboden für das Obergeschoss versehen. Anschließend kam die Zwischendecke zum Dachgeschoss an die Reihe. Als letztes wurde das Dach aufgesetzt. Um es öffnen zu  können, schrägte ich es im First ab und verband beide Platten mit Scharnierband; eine der Dachflächen wurde fest anmoniert, die andere lässt sich aufklappen und erhielt einen Feststeller.


Elektrische Installation

Ein modernes Puppenhaus muss natürlich elektrische Beleuchtung haben. Ich knobelte dafür einen Schaltplan aus und ging dann an die Installation, nachdem ich mir in einem Spielwarengeschäft kleine Lämpchen besorgt hatte. Zuerst experimentierte ich mit kupferner Schwachstromlitze, die sich aber nicht bewährte. Sie erwies sich als zu weich und dünn und rutschte immer wieder aus den Klemmen usw. heraus. Klingeldraht zeigte wesenlich bessere Eigenschaften, da er etwas steifer ist und sich daher besser verlegen kässt. Die Drähte wurden mit Tesafilm an den Wänden befestigt und von Stockwerk zu Stockwerk einfach innen an den Giebelwänden hochgezogen.  (...) Als Stromversorgung hatte ich anfangs eine Taschenlampenbatterie vorgesehen. Es zeigte sich in der Praxis später aber sehr schnell, dass sie nicht ausreicht. Ich baute daher einen Klingeltransformator ein.
Nachdem der Rohbau einschließlich der Installation stand, glaubte ich die Feinarbeiten an einem Abend erledigen zu können. Es stellte sich jedoch heraus, dass sie wesentlich mehr Zeit erforderten und sehr viel Fingerspitzengefühl verlangten. Da das Sache der Hausfrauen ist, erhielt ich tatkräftige Hilfe.



Tapezieren will gelernt sein

Für die verschiedenen Räume habe ich Puppenhaus-Tapeten besorgt, die in Fachgeschäften zu bekommen sind, außerdem Ziegelstein-Tapeten für die Aussenwände und Dachpfannen-Tapeten für das Dach. Zum Kleben bewährte sich nach anfänglichen Experimenten mit Tapetenkleister Buchbinderleim am besten, da es sich nur um verhältnismäßig kleine Flächen handelt, aber hohe Klebkraft verlangt wird.
Alle Kanten des Hauses, einschließlich der Fensterfüllungen, wurden mit breitem farbigem Tesaband überzogen, um einen sauberen Abschluss zu erhalten. Dann schnitten wir die Tapeten entsprechend der Zimmermaße zu und klebten sie ein. Die elektrischen Leitungen, die ja mit Tesafilm einfach an den Wänden verlegt waren, wurden mit Tapete überklebt und erhielten so festen Halt, traten ausßerdem dann nicht mehr in Erscheinung. Die Türen erhielten keinen Tapetenüberzug, sondern wurden im Holzton der Spanplatten unverändert gelassen. Als Türklinken wourden auf beiden Seiten kleine Messingschrauben eingeschraubt.
Sehr viel Sorgfalt erfordert das Aufkleben der äußeren Ziegeltapete, da die einzelnen Lagen des Mauerwerks dem natürlichen Mauerwerk eines Hauses entsprechen müssen, Dabei gilt es vor allem bei den Tür- und Fensteröffnungen aufzupassen. Am besten ist es, wie bei beim Bau eines richtigen Hauses mit den Klebearbeiten am Sockel zu beginnen.

Feinarbeiten zum Abschluss

Nach den Tapezierarbeiten fügte ich in die Fensteröffnungen Fensterbänke aus Hartfaserplatte ein und auf dem unteren Flur wurde eine Nische als eingebauter Schrank für Besen usw. abgeteilt. Derweil nähte meine Frau Gardinen und Übergardinen, die wir mit Reißzwecken befestigten. Nun fehlten nur noch die Möbel. Einen Teil kauften wir fertig, andere, die sich als sehr viel robuster erwiesen haben, klebten wir aus leeren Streichholzschachteln zusammen, die wir mit Selbstklebefolie mit Holzmaserung überzogen. Für das Badezimmer montierte ich eine Badezimmereinrichtung aus Plastik, wie man sie kaufen kann, auseinander und installierte sie fest an den Wänden.
Damit war die "Villa Sorgenfrei" fertig und ich als Vater dazu bekehrt, dass man auch für eine Tochter mit viel Freude basteln kann.


Aus der Zeitschrift ff - Frohe Freizeit von 1962, Heft 10

Auch für die damals so populären Klebefolien, die auch in Barbaras Puppenhaus zum Einsatz kommen, wird in diesem Heft geworben.

D-c-fix